poco*mania – Erfahrungsbezogenes Theater


Die alte Jagd nach Authentizität im Theater mit Jugendlichen

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fa(u)st 2016. Foto: Klaus Stimpel

Gerade Theater mit Jugendlichen wird oft auf den Prüfstand gestellt: wie authentisch wirken die jugendlichen Spielerinnen und Spieler bei dem, was sie auf der Bühne tun? Gibt es „wahre Momente“, in denen das eigene „Betroffensein“ der Spielerinnen und Spieler deutlich wird? Sind die Jugendlichen vielleicht sogar die einzig möglichen Botschafter ihrer Message?

Diese Fragehaltungen sind verständlich, will das Theater mit Jugendlichen doch auch ernst genommen werden, Medium, Sprachrohr der jungen Generation sein.

Manchmal (oder auch öfters?) geht der Versuch, diesem Anspruch gerecht zu werden, allerdings gründlich schief und endet im Seelenstriptease, im peinlichen Entblößen persönlicher Traumata und Sehnsüchte. Die wahren Momente rücken dann rasch dem Zuschauer auf die Pelle, werden aufdringlich, nehmen einen in Geiselhaft oder verkehren sich zuweilen sogar in Meisterwerke des unfreiwilligen Humors.

Auf der Suche nach einem Weg, mit Jugendlichen ernst zu nehmendes, authentisches, „wahres“ Theater zu machen, hat Axel Mertens in seiner Arbeit mit poco*mania im Laufe der Jahre einen Theateransatz entwickelt, den er nun als Erfahrungsbezogenes Theater der Öffentlichkeit vorstellt.

Erfahrungsbezogen im Theater zu arbeiten, bedeutet demnach gerade nicht, die Erfahrungen der Jugendlichen unverstellt auf die Bühne zu bringen, den Einzelnen mit seinen Erfahrungen zu exponieren oder gar im schlimmsten Falle auszustellen. Erfahrungsbezogen zu arbeiten, bedeutet vielmehr den von allen eingebrachten ‚Erfahrungsschatz‘ zum Nährboden für die Theatertexte, für Szenenideen oder sogar für ein ganzes Stück zu machen, das dann zwar nicht die Erfahrungen unverstellt auf der Bühne präsentiert, aber wesentlich von den zugrunde liegenden Erfahrungen lebt. Denn alle an der Theaterproduktion Beteiligten bringen ihre für das Stück relevanten Erfahrungen sehr früh während des Entstehungsprozesses ein. So können  die jugendlichen Spielerinnen und Spieler zu gleichberechtigten Impulsgebern, Themensetzern oder sogar zu Co-Autoren werden.

Erfahrungen auf die Bühne bringen

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(weite welt sucks, 2010. Foto: Klaus Stimpel)

Wie kann es konkret aussehen, wenn die Erfahrungen aller an der Produktion Beteiligter in ein Theaterstück eingeflossen sind? Hierzu drei Beispiele aus den poco*mania-Produktionen der letzen Jahre:

Ein Abend im Theater im Jahr 2010, weite welt sucks – Das Saallicht geht aus. Die Bühne wird zum Ort, an dem ein Märchen erzählt wird: der König eines Landes, das so klein ist, dass kein Weg dahin führt, schickt seine einzigen vier Untertanen hinaus in die Welt, auf dass sie für das Gute kämpfen mögen. (Er hatte sich zuvor sehr darüber geärgert, dass sie einfach so in den Tag hineinlebten.) Und so müssen die vier Untertanen zum ersten Mal in ihrem Leben ihr Zuhause verlassen und begeben sich auf die Suche nach dem Guten. Nach vielen Begegnungen müssen sie aber erkennen, dass sie das reinweg Gute nicht finden können. Und so leben sie lieber fortan ihr eigenes Leben mit eigenen Zielen.

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(aus dem ruder: hanno b., 2011. Foto: Klaus Stmpel)

Ein Jahr später. Ein weiterer Abend im Theater, aus dem ruder: hanno b. – Das Spiel beginnt damit, dass sich die Spielerinnen und Spieler vor den Augen des Publikums auf der Bühne umziehen. Sie legen ihre Alltagskleidung ab und schlüpfen in Matrosenuniformen. Nun sehen sie aus wie großbügerliche Kinder Anfang des 20. Jahrhunderts. Alle sind sie nun Hanno Buddenbrook und alle erzählen gemeinsam den Zuschauerinnen und Zuschauern von ihrem Scheitern, von enttäuschten Hoffnungen, vom übergroßen Druck, den familiären Erwartungen genügen zu müssen und zu wissen, dass sie ihnen nie genügen werden. Die Spielerinnen und Spieler erzählen vom jüngsten Spross der berühmten Lübcker Kaufmannsdynastie Buddenbrook. Doch nicht nur. Sie erzählen auch von sich und geben der literarischen Figur damit eine ungewohnte Stimme – die Stimme heutiger Jugendlicher mit ihrer Angst, in der Welt von heute überfordert zu sein und untergehen zu müssen. 

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(Der rote Igel, 2012. Foto: Klaus Stimpel)

2012. Ein dritter Abend im Theater, Der rote Igel – Erzählt wird eine Kindergeschichte auf der Bühne: die Geschichte vom roten Igel. Der rote Igel ist kein lustiges Tier. Wir erfahren viel von seiner Einsamkeit (Nur er ist rot!), von seinen Träumen und nicht zuletzt von seiner unglücklicen Liebe zu einem roten Ballon. Wir erleben, wie der rote Igel an seinem Ballon hängend so tief ins All hineinfliegt, dass er zu einem Land kommt, in dem die Geschichten ausruhen, bis sie wieder erzählt werden. Und wir fliegen weiter mit ihm in die Dunkelheit, hin zu einem Ort, an dem es so dunkel ist, dass die Sonne nur alle vierzehn Tage aufgeht. Und dann auch nur kurz.

Doch egal welche phantasievolle Wendung die Geschichte auch nimmt, der rote Igel bleibt irgendwie so nah und seine Abenteuer nachvollziehbar. Vielleicht deswegen, weil alle an der Produktion Beteiligten bei den Proben nicht nur viele ihrer Träume, Wünsche, Sehnsüchte einbrachten, sondern dem roten Igel auch ihre Narben, Verletzungen und offenen Wunden schenkten.

Drei unterschiedliche Stücke; doch haben sie alle zweierlei gemeinsam: erstens basieren sie ganz bewusst auf den Erfahrungen der Menschen, die diese Theaterstücke auf die Bühne gebracht haben. Und zweitens werden die eingebrachten Erfahrungen nie unverstellt auf der Bühne präsentiert. Immer ist da eine Figur oder ein setting; irgendetwas, das die eingeflossenen Erfahrungen für sich beansprucht, das Stellvertreter sein will und gleichzeitig Hüter dessen, was an gemeinsamen Erfahrungsschatz während der Probenarbeit gehoben worden war.

Das ist Erfahrungsbezogenes Theater.

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(Lochland, 2013. Foto: Klaus Stimpel)

Doch wer nun meint, dass „Erfahrungsbezogenes Theater“ besonders dann vorläge, wenn die Erfahrungen der Schülerinnen und Schüler bis zur Unkenntlichkeit verstellt werden, der irrt. So wurden in der Produktion Lochland (2013) die konkreten Erfahrungen der Schülerinen und Schüler mit den Umsiedlungen in ihrer Heimat, dem rheinischen Braunkohletagebaugebiet zwischen Köln und Mönchengladbach, auf die Bühne gebracht. In als wär’s ein Stück von mir… (2014) verarbeiteten die Jugendlichen die Eindrücke ihrer Reise auf die Schlachtfelder von Flandern anlässlich der 100jährigen Wiederkehr des Beginns des Ersten Weltkriegs und thematisierten ihre Unfähigkeit, sich das Grauen in den Schützengräben auch nur ansatzweise vorstellen zu können. In fa[u]st(2016) zeigten die Jugendlichen auf der Bühne, welche Verstehensprobleme ihnen dieser Klasiker bereitet.

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One day, baby, we’ll be old, 2015. Foto: Klaus Stimpel

Es gibt demnach viele Wege, Erfahrungen auf die Bühne zu bringen, doch hängt viel an der Rahmenhandlung, dem setting, der theatralen Idee.

Erfahrungsbezogenes Theater bietet also stets einen Schutzraum, stellt die Spielerinnen und Spieler und ihre Erfahrungen nie aus, fordert immer  eine Übersetzungsleistung von den Zuschauerinnen und Zuschauern.

 

„Erfahrungsbezogenes Theater“ als Fachbegriff

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Der rote Igel, 2012. Foto: Klaus Stimpel

Das Erfahrungsbezogene Theater basiert auf den Erfahrungen derer, die an der Produktion mitgearbeitet haben. So gesehen hätte man diesen Anstz auch „Erfahrungsbasiertes Theater“ nennen können, wäre da nicht das Risiko des Missverständnisses, dass das Theater auf den Theatererfahrungen aller Beteiligten aufbaut.

Dass das Erfahrungsbezogene Theater – man könnte es auch Erfahrungsorientertes Theater nennen – vom Begriff her eine gewisse Nähe zum didaktischen Konzept des „Erfahrungsbezogenen Unterrichts“ von Ingo Scheller aufweist, ist kein Zufall, gehen doch beide Ansätze von individuell gemachten Erfahrungen aus und nutzen sie, um zu einem besseren, genaueren, angemesseneren Verständnis zu gelangen. Doch hören hier die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Denn das Konzept eines „erfahrungsbezogenen Unterrichts“ zielt schlussendlich auf das Verständnis eines fremden Textes, ist also rezeptiver Natur. Erfahrungsbezogenes Theater hingegen zielt auf das Verständnis der eigenen Person, des eigenen Lebens und bildet damit die Grundlage für ein Theaterstück, mit dem sich alle Beteiligten identifizieren können. Dies ist nicht rezeptiver, sondern eindeutig kreativer Natur.

Bewusste Erfahrungen als Grundlage von Theater mit Jugendlichen

Der hier vertretene Ansatz des Erfahrungsbezogenen Theaters, der von Axel Mertens entwickelt wurde, ist eng verwandt mit dem Autobiographischen Theater.

Beide Ansätze eint, dass sie die am theatralen Prozess Beteiligten im Zentrum sehen und deren Lebensgeschichten (auch mit allen Enttäuschungen, Verletzungen und Wunden) zur Grundlage von Theater machen.

Doch während das Autobiographische Theater rasch in tiefere Schichten, ins Unterbewusste, vorzudringen vermag, beschränkt sich das Erfahrungsbezogene Theater mit Absicht auf die Arbeit mit den biographischen Schichten, die als ‚Erfahrung‘ im Bewussten abgespeichert und jederzeit abrufbar sind.

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(als wär’s ein Stück von mir…, 2014. Foto: Klaus Stimpel)

Erfahrungsbezogenes Theater will keine Therapie sein. Das sieht auch das Autobiographische Theater so. Dass das Autobiographische Theater dennoch (auch) auf Bereiche zielen kann, die durchaus therapeutisch relevant sind, liegt darin begründet, dass die autobiographische Arbeit von allen am Prozess Beteiligten ein hohes Maß an Distanz zu den eigenen Erfahrungen abverlangt. Die Forderung im Autobiographischen Theater, dass das, was von den Einzelnen als Impuls einfließt, gleichzeitig auch als Spielmaterial für alle anderen freigegeben werden muss, zeugt davon.

Da Jugendliche noch wenig Distanz zu ihrer eigenen Lebensgeschichte bzw. ihren eigenen Lebensgeschichten haben aufbauen können, eignet sich der Erfahrungsbezogene Ansatz daher insbesondere für die Theaterarbeit mit dieser Zielgruppe.

Die Beschränkung auf das ‚Bewusste‘ ist hier gleichsam ein Schutzraum, denn die Impulse, die die Jugendlichen im Rahmen der erfahrungsbezogenen Theaterarbeit einbringen können, bergen weniger die Gefahr, plötzlich im Impulsgeber bzw. in der Impulsgeberin etwas auszulösen, was vorher für ihn bzw. sie nicht abschätzbar war.

Im Erfahrungsbezogenen Theater geht es also im Kern um die vertiefte und vertiefende Beschäftigung mit eigenen und fremden Erfahrungen; eine Beschäftigung, die dabei helfen kann, eigene Erfahrungen neu einzuordnen, neu oder anders zu deuten bzw. auf ungewohnte Weise produktiv werden zu lassen.

Durch die thematische Konzentration auf substantielle ‚Menschheitsfragen‘ (z. B. Leben und Tod. Liebe, Alter, Übergänge in Lebensabschnitt etc.) kann das Erfahrungsbezogene Theater zu einem wichtigen Impuls für die Persönlichkeitsentwicklung gerade junger Menschen werden.

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aus dem ruder: hanno b., 2011. Foto: Klaus Stimpel

Die Rolle der Spielleitung im Erfahrungsbezogenen Theater

Der Spielleitung im Erfahrungsbezogenen Theater kommt zunächst die Aufgabe zu, die Erfahrungen der Spielerinnen und Spieler, aber auch die eigenen Erfahrungen mit einem Thema, einem Problem etc. zu heben, sie gemeinsam mit den Jugendlichen zu sichten und die Möglichkeiten, aber auch die Grenzen zu erkennen, die dieser gemeinsame Erfahrungsschatz bietet.
Im weiteren Verlauf der Produktion obliegt der Spielleitung die Aufgabe, (idealerweise ebenfalls zusammen mit den jugendlichen Spielerinnen und Spielern) diesen Impulsen eine gemeinsame ästehtische Form zu geben, einen Handlungsrahmen, kurz: sie theatral zu verarbeiten.
Das Ergebnis kann ein Stück Theater sein, das von gemeinsamen Erfahrungen ausgeht, von ihnen gespeist und motiviert ist,  sich aber nicht in der Darbietung von Erfahrungen zu einem gewissen Themenkomplex erschöpft.

Erfahrungsbezogenes Theater im Dialog mit den Zuschauerinnen und Zuschauern

Das Erfahrungsbezogene Theater zielt aber nicht alleine darauf, über die Inszenierung individueller Erfahrungen  ein hohes Maß an Authentizität und Ernsthaftigkeit zu erreichen.
Erfahrungsbezogenes Theater lädt darüber hinaus die Zuschauerinnen und Zuschauer ein, die eigenen Erfahrungen in den Blick zu nehmen, sie zu vergleichen und ggf. neu zu bewerten und einzuordnen.

Hierfür verzichtet das Erfahrungsbezogene Theater programmatisch auf das Hochziehen einer ‚Vierten Wand‘ zwischen dem Geschehen auf der Bühne und den Zuschauerinnen und Zuschauern.

Erfahrungsorientiertes Theater will nicht allein zeigen, es will Austausch, neues oder anderes Verstehen, Diskussion, zuweilen vielleicht auch Widerstreit…

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als wär’s ein Stück von mir…, 2014 Foto: Klaus Stimpel